NRWlebt. HOME

LEBEN OHNE SCHRANKEN – BARRIEREFREI WOHNEN UND ARBEITEN

Barrieren auch in den Köpfen abbauen!
„NRW lebt.“-Veranstaltung diskutierte am 9. September 2014 in Bielefeld über das barrierefreie Planen und Bauen

„Die enorme Resonanz zeigt doch, wie wichtig für uns Architekten und Stadtplaner das Thema ist!“ Einer der gut 200 Teilnehmer an der „NRW lebt.“-Veranstaltung „Leben ohne Schranken - barrierefrei Wohnen und Arbeiten“ unterstrich das Bedürfnis, sich über politische Zielvorstellungen und praktische Lösungskonzepte für die Planung auszutauschen. Dazu bot die Veranstaltung im Rahmen der AKNW-Aktionsplattform „NRW lebt.“ am 9. September in Bielefeld einen attraktiven Rahmen.

Die Referenten in Bielefeld bei „Leben ohne Schranken“ (v. l.): Norbert Killewald (Landesbehindertenbeauftragter NRW), Pit Clausen (OB der Stadt Bielefeld), Philipp Möhle (Student und Vertreter des RSB Bielefeld), Christian Decker (h.s.d. architekten), Jens Conrad (Pöstenhof Lemgo), Ernst Uhing (Präsident der Architektenkammer NRW), Timo Witt (Siedlungssprecher „Bültmannshof“, Bielefeld), Roswitha Rother (Studentin und Vertreterin des RSB Bielefeld), Hans Jörg Rothen (Bertelsmann Stiftung) und Michael Seibt (Pressesprecher der Baugenossenschaft „Freie Scholle eG“, Bielefeld).

„Es ist gut, dass wir öffentlich zeigen, wie wichtig uns das Thema ‚Barrierefreiheit‘ in Zeiten der Inklusion und einer immer älter werdenden Gesellschaft ist“, unterstrich Ernst Uhing. In seiner Einführung wies der Präsident der Architektenkammer NRW darauf hin, dass gerade einmal drei bis vier Prozent der Wohnungen in NRW als barrierefrei oder zumindest barrierearm gelten können. „Hier gibt es einen gewaltigen Bedarf!“

„Sie greifen ein wichtiges Thema auf, das in der Theorie allen bewusst ist, sich aber in der Praxis erst langsam durchsetzt“, bekräftigte auch Christian Decker. Der Architekt aus Lemgo stellte gemeinsam mit Jens Conrad als Bauherrenvertreter das generationenübergreifende Wohnprojekt „Pöstenhof“ vor. „Der Prozess war nicht einfach, vor allem weil es nicht viele Beispiele für solch ein ambitionierter Vorhaben in einer kleinen Stadt gab“, erinnerte sich Jens Conrad. Der Pöstenhof wurde weitgehend barrierefrei gestaltet, so dass Bewohner mit Rollstuhl und Rollator einziehen konnten. „Ein Freund fragte mich, was ich denn in dem Altenheim wolle“, erzählte der 43-jährige Vater zweier Kinder. „Barrieren sind oftmals im Kopf – und dort sind sie am schwersten abzubauen.“

Eine Aussage, die Norbert Killewald in seinem Vortrag nur bestätigen konnte. Der Beauftragte der Landesregierung für die Belange der Menschen mit Behinderung in NRW darauf, dass gegenwärtig eine ganze Reihe von Gesetzesvorhaben und Verordnungen in Vorbereitung seien, die dazu beitragen sollten, den Anspruch auf Inklusion in NRW mit Leben zu füllen - vom Aktionsplan Betreuungsrecht über das Inklusionsstärkungsgesetz bis zur Landesbauordnung. In letzterer werde der § 55 geändert: Die Unterscheidung zwischen Nutzer und Besucher (Abs. 1) soll aufgehoben werden, die Ausnahmen in Absatz 6 entfallen und durch Härtefallregeln ersetzt werden. „Es muss aufhören, dass die Ausnahme zum Standard erklärt wird“, mahnte Killewald. 

„Wir wollen eingebunden werden!“

Aber auch an die Landesregierung und die Kommunen formulierte der Landesbehindertenbeauftragte klare Forderungen:  Die Sanierung im Bestand müsse voran gebracht werden. Und den Verfechtern der Behauptung, barrierefreier Wohnraum könne kein bezahlbarer Wohnraum sein, müsse entschieden entgegen getreten werden. „Solche Schutzbehauptungen blenden die Folgekosten für den kommunalen Haushalt und die Solidarkassen aus.“ An die Architekten und die Wohnungswirtschaft appellierte Norbert Killewald, der selber hörgeschädigt ist: „Wir Behinderte wollen eingebunden werden.“ Er betonte, dass Barrierefreiheit nicht allein auf die Inklusion für Menschen mit Gehbehinderungen abziele. „In einer alternden Gesellschaft werden Hörprobleme und nachlassende Sehkraft uns immer stärker beschäftigen.“

Demografiefeste Unternehmenskultur

Die Alterung der Gesellschaft sei nicht allein für das Wohnen ein bauliches Problem, erklärte Hans Jörg Rothen in seinem Vortrag in Bielefeld. Der Forscher von der Bertelsmann Stiftung verwies darauf, dass die Gesellschaft insgesamt sich mit einem neuen Bild von älteren Menschen vertraut machen müsse. „Das ist nicht trivial, weil die Bilder in unserem Kopf auch vieles von dem bestimmen, was später in Gesetzen, Verordnungen und Strukturen konkrete Auswirkungen nach sich zieht.“ Viele Menschen blieben heute bis ins hohe Alter vital – aber nicht alle. Im Jahr 2050, so seine Ergebnisse, würden 40 - 45 % der Deutschen älter als 60 Jahre sein. Entsprechend müsse es verstärkt eine Ausdifferenzierung des Wohnungsangebotes geben. Aber auch unsere Arbeitswelten müssten dem steigenden Durchschnittsalter der Belegschaften angepasst werden. „Wir brauchen eine demografiebezogene Unternehmenskultur, die zum Beispiel flexiblere Arbeitszeiten und Unterstützungsangebot für die eigene Gesundheit und Fitness umfassen könne.“

Eigene Haltung hinterfragen

Der Präsident der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, Ernst Uhing, unterstrich die Notwendigkeit, sich auf die Folgen des demografischen Wandels grundsätzlich einzustellen. „Vorträge, wie wir sie heute gehört haben, sind auch ein Anlass, die eigene Haltung zu Fragen von Alter und Handicap zu hinterfragen“, resümierte der AKNW-Präsident. Er verwies darauf, dass barrierearm gestaltete Wohn- und Lebenswelten allen Menschen zugute kämen - auch Radfahrern, Eltern mit Kinderwagen, Skatern. Insgesamt dürften alle Beteiligten nicht nachlassen in dem Bemühen, bezahlbaren Wohnraum für alle Gruppen der Gesellschaft bereit zu stellen. Selbst in schrumpfenden Städten mit erheblicher Leerstandsproblematik gebe es oftmals einen Mangel an barrierefreien Wohnungen.

Wir brauchen einen langen Atem!

Genau dies sei für viele Kommunen ein Problem, griff Pit Clausen, der Oberbürgermeister der Stadt Bielefeld, das Thema auf. Oftmals unterscheide sich die Barrierefreiheit im Wohnungsangebot und auch im öffentlichen Raum von Quartier zu Quartier ganz erheblich. „Es bleibt nur eins: Wir müssen am Ball bleiben und dabei die Menschen einbeziehen“, meinte der Bielefelder OB. Im Neubaubereich sei vieles leicht umsetzbar, im Bestand allerdings gehe das oftmals nur langsam, Schritt für Schritt. „Da brauchen wir alle einen langen Atem.“  


Projekte in Kurzvorstellung:
 „Besser ohne Barrieren“: Lebensgerechtes Wohnen in der Freien Scholle 

Die Wohnungsbaugenossenschaft „Freie Scholle eG“ modernisiert in Bielefeld Wohnungsbestände aus den 1930er- und 60er-Jahren (Siedlung „Auf dem Langen Kampe“), wodurch die barrierefreie Nutzung der Wohnungen und des angrenzenden öffentlichen Raums möglich wurde. Im Rahmen des „Stadtumbaus „Albert-Schweitzer-Straße“ wurde Barrierefreiheit im bestandsersetzenden Neubau geschaffen (Foto, BKS Architekten: Krauß, Stanczus, Schurbohm + Partner). Mit einer Quote von nun 15 % barrierearmernoder barrierefreier Wohnungen liegt die „Freie Scholle“ deutlich über dem NRW-Durchschnitt von drei Prozent. Michael Seibt, Pressesprecher der Wohnungsbaugenossenschaft, und Timo Witt, Sprecher der Siedlung „Bültmannshof“, zeigten auf, wie die „erweiterte Selbstverwaltung“ der „Freien Scholle“ funktioniert. 

Die Situation von körperlich und sensorisch beeinträchtigten Studierenden im Studienalltag - Was ist baulich zu tun?

Barrierefreiheit in der Universität: Hierbei geht es nicht nur um Rampen an Eingängen, Aufzüge, behindertengerechte Toiletten oder ausreichend breite Flure. Roswitha Rother und Philipp Möhle vom Referat für Studierende mit Behinderung und chronischen Erkrankungen der Universität Bielefeld machten in ihrem Vortrag deutlich, dass oftmals für körperlich oder sensorisch beeinträchtigte Studierende auch andere Barrieren dem Studium im Wege stehen – wie beispielsweise Brandschutztüren, die durch ihre Anordnung und ihr Gewicht von einem Rollstuhlfahrer nur schwer zu öffnen sind, oder große Hörsäle, in denen hörbehinderte Studierende ohne den Einbau einer Ringschleife, die ein komplikationsfreieres Hören ermöglicht, eigentlich kaum eine Chance haben, dem Stoff zu folgen.

Pöstenhof Lemgo – Ohne Schranken miteinander leben

Der Pöstenhof Lemgo – ein Wohnprojekt, in dem in 33 Wohnparteien Jung und Alt, Singles, Paare und Familien nicht nebeneinander her, sondern gemeinschaftlich zusammen leben. Der Architekt Christian Decker (h.s.d. Architekten) und Projektsprecher Jens Conrad schilderten die Entstehung des Gemeinschaftswohnprojektes mit all seinen Vor- und Nachteilen: Von der Anfangszeit im Jahr 2008, während der „Mitstreiter“ für das ehrgeizige Projekt gesucht wurden, über die Phase, in der auf dem Gelände der ehemaligen Konservenfabrik in Lemgo die Grundmauern errichtet wurden und sich Wünsche, Vorstellungen und Vorlieben der zukünftigen Bewohner mehrfach änderten, bis hin zum Richtfest und der offiziellen Eröffnung. Christian Decker und Jens Conrad verdeutlichten, dass ein gemeinschaftliches Wohnprojekt wie der Pöstenhof nicht stressfrei zu realisieren sind - dass sich der Aufwand und die Mühen am Ende jedoch in einem gestärkten Gemeinschaftsgefühl und mehr Lebensqualität auszahlen. ros/mel

Veranstaltungssaal in der Ravensberger Spinnerei in Bielefeld

Veranstaltungssaal in der Ravensberger Spinnerei in Bielefeld

Pit Clausen, Oberbürgermeister der Stadt Bielefeld

Pit Clausen, Oberbürgermeister der Stadt Bielefeld

Norbert Killewald, Landesbehindertenbeauftragter Nordrhein-Westfalen

Norbert Killewald, Landesbehindertenbeauftragter Nordrhein-Westfalen

Hans Jörg Rothen, Bertelsmann Stiftung

Hans Jörg Rothen, Bertelsmann Stiftung

Christian Decker (h.s.d. architekten), Wohnprojekt "Pöstenhof" in Lemgo

Christian Decker (h.s.d. architekten), Wohnprojekt "Pöstenhof" in Lemgo

Jens Conrad, Bewohner im "Pöstenhof"

Jens Conrad, Bewohner im "Pöstenhof"

Philipp Möhle, RSB Bielefeld

Philipp Möhle, RSB Bielefeld

Roswitha Rother, RSB Bielefeld

Roswitha Rother, RSB Bielefeld

Das Publikum diskutierte unter der Leitung von Marcus Werner (WDR) mit

Das Publikum diskutierte unter der Leitung von Marcus Werner (WDR) mit

Pressesprecher der "Freien Scholle" Michael Seibt

Pressesprecher der "Freien Scholle" Michael Seibt

Timo Witt, Siedlungssprecher "Bültmannshof"

Timo Witt, Siedlungssprecher "Bültmannshof"

Blick in das Publikum

Blick in das Publikum

AKNW-Präsident Ernst Uhing

AKNW-Präsident Ernst Uhing


Präsentationen und Reden:

Vortrag vom Landesbehindertenbeauftragten Norbert Killewald

Präsentation der Wohnungsbaugenossenschaft "Freie Scholle eG"

Präsentation zu Barrierefreiheit in der Universität Bielefeld

Präsentation zum Wohnprojekt "Pöstenhof"

 

 

VERANSTALTUNG

Leben ohne Schranken
Bericht zur Veranstaltung am 9. September 2014 in der Ravensberger Spinnerei, Bielefeld:
Barrieren auch in den Köpfen abbauen!

PARTNER

Logo Landesbehindertenbeauftragte NRW
Logo Bündnis Baukultur Westfalen
Logo Sozialverband VdK NRW
Logo Freie Scholle Bielefeld
Facebook NRW lebt. auf Facebook
twitter AKNW auf Twitter
MEDIENPARTNER Q3